Zusammenfassung – Skandalisierung korpuslinguistisch. Ein empirisch-linguistischer Blick auf die Berichterstattung zur „Wulff-Affäre“

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Ein Überblick über das wissenschaftliche Paper „Skandalisierung korpuslinguistisch. Ein empirisch-linguistischer Blick auf die Berichterstattung zur „Wulff-Affäre“

 

„Skandalisierung korpuslinguistisch. Ein empirisch-linguistischer Blick auf die Berichterstattung zur ‚Wulff-Affäre‘“ ist ein wissenschaftliches Paper von Dr. Noah Bubenhofer, welches in der Online-Zeitschrift „Linguistik Online“ im Band 61, Nr.4 (2013) veröffentlicht worden ist.

Die vorliegende Studie untersucht anhand der Affäre um den ehemaligen Bundespräsidenten Christian Wulff linguistische Merkmale, durch die sich eine Skandal-Berichterstattung in den Medien auszeichnet. Die Grundlage der Untersuchung bilden alle Artikel zu Wulff, die auf den Webseiten der Bild-Zeitung (www.bild.de) und der Süddeutschen Zeitung (www.sueddeutsche.de) online einsehbar sind. Als Referenzkorpus wurden Online-Artikel zur Bundeskanzlerin Angela Merkel hinzugezogen, da sie eine geschäftliche Beziehung zu Christian Wulff hegte und zudem eine mediale Persönlichkeit ist. Am Stichtag, dem 23. März 2012, wurden alle, bis dahin online veröffentlichten, Artikel mit dem Stichwort „Wulff“ und die letzten 1800 Artikel mit „Merkel“ heruntergeladen und verarbeitet.

Nach der Aufbereitung der Artikel umfasste der Korpus zu Wulff 2,3 und der zu Merkel 2,5 Mio. Wörter; es wurden 55 verschiedene Wortarten und 700 unterschiedliche Kombinationen von Wortart, Genus, Kasus und Numerus extrahiert. Der Untersuchungs- und Referenzkorpus ähnelt sich quantitativ, sodass eine Gegenüberstellung sinnvoll ist.

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In Tabelle 1 und 2 erkennt man einen Unterschied in der Wortanzahl zwischen den beiden begutachteten Zeitungen; in einem Wulff-Artikel der Süddeutschen Zeitung lassen sich durchschnittlich 800 Wörter und in der Bildzeitung 602 Wörter zählen.

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Betrachtet man die Abbildungen 1 und 2, in welchen die Wörteranzahl beider Zeitungen in einem bestimmten Zeitintervall aufgezeichnet ist, so lassen sich gewisse Ähnlichkeiten feststellen. Sowohl Bild als auch Süddeutsche berichten, bis auf einige Ausnahmen, fast gleichermaßen zu wichtigen Begebenheiten der Karriere von Christian Wulff, besonders in Zeiten des Wahlkampfes und während der Wulff-Affäre. Zu den wichtigsten Ereignissen (Kredit-Bank-Bericht, Berichte Medien-Affäre, Rücktritt) erreichen beide Zeitungen ihre Höchstwerte im Wulff-Korpus.

Weiterhin wurden Sprachgebrauchsmuster durch Berechnung von komplexen n-Grammen ermittelt. Der Skandal-Korpus schloss dabei alle Texte beider Zeitungen im Zeitraum der Affäre, von ihrer Bekanntmachung bis zum Rücktritt Wulffs (13. Dezember 2011 – 17. Februar 2012), mit ein und wurde mit dem Referenzkorpus, der alle anderen Artikel beinhaltete, verglichen.

Es kristallisierten sich einige Merkmale von Pressetexten bei Skandalen heraus:

Es wurde festgestellt, dass im Skandal-Korpus, verglichen mit dem Referenzkorpus, eine Sprache reich an Floskeln verwendet wurde. Thematisch wurde der Skandal zum Beispiel als „Kredit- und Urlaubsaffäre“ oder „Kredit- und Medien-Affäre“ bezeichnet. Typisch sind Phrasen der Enthüllung, Auseinandersetzung und Evaluierung des Skandals. Als Beispiele lassen sich Teilsätze wie „in seiner Zeit als“ und „undurchsichtigen Verbindungen zu seinem“ anführen. Als Christian Wulff sich in einem öffentlichen Interview entschuldigt und versucht sich zu rechtfertigen, treten weiterhin Floskeln, wie „das hätte ich vermeiden“ oder „wäre aufrichtig gewesen“, auf. Auch die Folgen und Spekulationen der Wulff-Affäre münden in Floskeln. „Hat das Amt des“ und „wird das Antlitz des“ sind nur exemplarische Beispiele dafür. Auffällig ist, dass auch Meinungen und Mutmaßungen außenstehender Personen einbezogen wurden. Grund für diese Phrasen ist unter anderem die wiederholte Zitierung des Skandalisierten, was auch die vermehrte Verwendung Aktivform erklären würde. Dr. Bubenhofer vermutet hierbei eine eigenständige Skandalisierungsfunktion dieser Floskeln.

Am häufigsten wurde Christian Wulff als Mann, Präsident und Bundespräsident bezeichnet. Diese Personenbezeichnungen können sowohl eine negative als auch positive Skandalisierungsfunktion tragen. Im Fall der Wulff-Affäre beziehen sich die Bezeichnungen jedoch eher auf eine negative Seite, die deutlich macht, dass der Skandalisierte nicht mehr in seinem Amt bleiben kann.

Die Boulevard- und Qualitätspresse, die sich sonst grundlegend unterscheidet, hat sich während des Wulff-Skandals gleichermaßen intensiv mit diesem Thema auseinandergesetzt.

Dr. Bubenhofer demonstrierte mit seiner Studie die zahlreichen Auswertungsmöglichkeiten in der Korpuslinguistik. Zukünftige Untersuchungen können diese Merkmale bei anderen medialen Skandalen auf ihre Richtigkeit prüfen.

 

Literatur

  • Bubenhofer, Noah (im Druck): „Mediale Skandalisierung korpuslinguistisch. Ein empirisch-linguistischer Blick auf die Berichterstattung zur „Wulff-Affäre“, in: Linguistische Methoden im Fokus: Eine Auswahl projektbasierter Beispiele. Bd. 61, Nr.4 (2013) Linguistik online.

 

One thought on “Zusammenfassung – Skandalisierung korpuslinguistisch. Ein empirisch-linguistischer Blick auf die Berichterstattung zur „Wulff-Affäre“

  1. Die Begründung für das Merkel-Referenzkorpus wird missverständlich wiedergegeben. Im Originaltext steht dazu:
    “Die Texte handeln genauso von einer politischen Persönlichkeit wie die Wulff-Texte.
    Sie entstammen ebenfalls der Domäne der politischen Berichterstattung.
    Die Prominenz Merkels garantiert eine große Anzahl an Artikeln.”

    Achtung Genus von “Korpus”: DAS Korpus!

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