Torsten Steinhoff: Zum ich-Gebrauch in Wissenschaftstexten

Jeder Studierende kennt dieses Problem: Man sitzt an einer Hausarbeit und möchte das ich verwenden. Sei es eine Anekdote, die als einleitende Worte verwendet werden kann, die eigene Meinung, die zu den besprochenen Theorien geäußert werden soll oder ein Wegweiser für den Leser, der über den Aufbau des Textes informiert werden möchte: Viele Gelegenheiten laden regelrecht dazu ein, die erste Person Singular zu verwenden. Kaum hat man das ich eingetippt, holt einen das schlechte Gewissen ein: Darf ich überhaupt das ich in einer wissenschaftlichen Arbeit verwenden? Auf irgendeine Weise hat man doch erfahren, dass kein ich benutzt werden sollte. Gilt diese ungeschriebene Regel wirklich ausnahmslos?

Torsten Steinhoff, Professor für Didaktik der deutschen Sprache an der Universität Siegen, befasst sich in seinem Paper „Zum ich-Gebrauch in Wissenschaftstexten“ genau mit diesen Fragen und liefert mithilfe von sprachwissenschaftlichen Analysen aufschlussreiche Antworten.
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Torsten Steinhoff

Torsten Steinhoff

In der deutschen Wissenschaftslandschaft dominiert die Ansicht, dass ein „Ich-Verbot“ (Weinrich 1989) sowie ein „Ich-Tabu“ (Kretzenbacher 1995) vorherrschen. Das daraus abgeleitete Postulat lautet demzufolge: „Wer wissenschaftlich schreiben will, darf nicht ich schreiben.“ Steinhoff plädiert für eine kritische Auseinandersetzung mit dem „Ich-Tabu“ bzw. dem „Ich-Verbot“ und stellt der Diskussion eine korpuslingustische Analyse voraus, die sowohl funktionallingustische als auch sozialsemantische Aspekte berücksichtigt. Mithilfe von zwei Korpora wurden die ich-Tokens in verschiedenen wissenschaftlichen Texten gezählt und untersucht. Die Untersuchung der ich-Tokens erfolgte durch ihre Beschreibung und Klassifizierung in drei Kategorien: Verfasser-Ich, Forscher-Ich und Erzähler-Ich. Nach der Spezifizierung der ich-Tokens wurde ein Kontextualisierungsversuch mit Ratern durchgeführt.

Empirische Grundlage der Untersuchung

teacher-309533_640Das erste Korpus (Expertentexte-Korpus, kurz: ExpKo) besteht aus 99 deutschsprachigen wissenschaftlichen Zeitschriftenaufsätze der Fächer Linguistik, Literaturwissenschaft und Geschichtswissenschaft. Je 33 Aufsätze wurden den einschlägigen Publikationen „Zeitschrift für germanistische Linguistik“ (kurz: ZGL) für die Linguistik, „Sprachkunst“ (kurz: SK) für die Literaturwissenschaft und „Geschichte und Gesellschaft“ (kurz GG) für die Geschichtswissenschaft entnommen. Jeweils drei Texte aus jedem Veröffentlichungsjahr von 1993 bis 2003 finden sich im Korpus wieder. Alle Verfasser der Texte sind Muttersprachler. Das Korpus weist eine Wortanzahl von 863.084 auf.

ExpKo-Häufigkeit der ich-Belege 

Disziplin Anzahl Anzahl/
Text
Anzahl/
1000 Wörter
Median Standard-abweichung Spann-
weite
ohne Beleg*
Linguistik 183 5,55 0,74 0,35 0,88 3,19 30,30
Literatur 102 3,09 0,35 0,10 0,55 2,28 48,48
Geschichte 52 1,58 0,16 0,09 0,22 0,90 42,42
gesamt 337 3,40 0,43 0,12 0,64 3,19 40,40

* Texte ohne ich-Beleg in Prozent

Pro Text wird das ich durchschnittlich 3,40 Mal eingesetzt. Gemessen an 1000 Wörtern wird ich im Schnitt 0,43 Mal verwendet. In circa 40 Prozent der Texte wird die erste Person Singular überhaupt nicht benutzt. Die Streuungswerte zeigen auch, dass erhebliche Variationen zwischen den verfasserreferentiellen Strategien der einzelnen Schreiber bestehen.

student-148612_640Das zweite Korpus (Studententexte-Korpus, kurz: StuKo) umfasst 296 deutschsprachige studentische Hausarbeiten aus den Geistes- und Sozialwissenschaften. Die Grundgesamtheit beträgt hier 1.668.655 Wörter. Die Texte stammen von 72 Studenten der Universitäten Bielefeld und Gießen von 1992 bis 2004. Auch hier sind alle Verfasser deutsche Muttersprachler. Von jedem Student liegen durchschnittlich 4,1 Arbeiten vor, die in verschiedenen Studienphasen verfasst wurden. Das StuKo wurde in drei Textgruppen unterteilt, welche sich nach der wissenschaftlichen Schreiberfahrung des Studenten richten: 1. bis 3. verfasste Arbeit (99 Texte), 4. bis 7. verfasste Arbeit (100 Texte) und ab 8. im Studium verfasster Arbeit (97 Texte).

StuKo-Häufigkeit der ich-Belege

Wissen-schaftliche Sprach-erfahrung Anzahl Anzahl/
Text
Anzahl/
1000 Wörter
Median Standard-abweichung Spann-weite ohne Beleg*
1. – 3. 657 6,64 1,40 0,51 2,45 14,59 42,42
4. – 7. 589 5,89 0,85 0,14 1,36 7,65 50,53
ab 8. 560 5,77 0,77 0,17 1,39 7,98 47,83
gesamt 1806 6,10 1,01 0,18 1,82 14,59 45,12

* Texte ohne ich-Beleg in Prozent

In den studentischen Arbeiten wird das ich durchschnittlich 6,10 Mal gebraucht. Gemessen an 1000 Wörtern kommt es im Schnitt 1,01 Mal vor. Damit wird es 2,34 Mal häufiger als bei den Experten verwendet. Ähnlich wie bei den Expertentexten wird das ich in 45,12 % der Texte nicht benutzt.

Steinhoff nimmt an, dass „die Frequenz der ersten Person Singular abhängig von der wissenschaftlichen Schreiberfahrung ist.“ Schon zu Beginn der universitären Laufbahn taucht das ich verhältnismäßig sporadisch auf. Mit der Fortschreitung des Studienverlaufs wird der Rückgang des ich-Gebrauchs besonders ersichtlich, wie das folgende Diagramm zeigt:

Häufigkeit der ich-Belege im Entwicklungsverlauf

Häufigkeit der ich-Belege im Entwicklungsverlauf

Der Mittelwert der ich-Belege pro 1000 Wörter in den studentischen Hausarbeiten ab der Studienanfangsphase (1.-3. Arbeit) im Vergleich zu den Expertentexten sinkt um mehr als das Dreifache. Das ich scheint also nicht mit zunehmender Schreiberfahrung zu verschwinden, sondern sein Einsatz wird einerseits reduziert, andererseits bewusster und kontrollierter durchgeführt.

Analog zum ExpKo weisen die linguistischen Texte im Schnitt die höchste ich-Frequenz auf. Am seltensten wird die erste Person Singular bei geschichtswissenschaftlichen Texten verwendet. Somit ist die Lese- und Schreibsozialisation auch fachlich geprägt:

Häufigkeit des ich-Gebrauchs in den Disziplinen Linguistik, Literaturwissenschaft und Geschichtswissenschaft

Häufigkeit des ich-Gebrauchs in den Disziplinen

Die drei Ich-Typen und ihre Kontextualisierung

Der Kontextualisierungsversuch erfolgte durch 45 Hochschuldozenten der Universität Gießen, die als Rater tätig waren. Ihnen wurde ein Fragebogen mit kurzen Ausschnitten aus Korpustexten vorgelegt. Ihre Aufgabe bestand nun darin, die Ausschnitte auf einer fünfteiligen Skala von „sehr wissenschaftlich“ (+2) bis „gar nicht wissenschaftlich“ (-2) einzustufen. Auch erhielten sie die Möglichkeit, ihre Bewertungen zu kommentieren.
Ehe der Kontextualisierungsversuch unternommen wurde, teilte Steinhoff die ich-Belege in drei Gruppen ein und schrieb ihnen folgende Charakteristika und Unterscheidungsmerkmale zu:

Ich-Typ Verfasser-Ich Forscher-Ich Erzähler-Ich
Funktion Alterisierung (=metakommunikative Textkonstitution) Referentialisierung (=Konstitution des Gegenstandes) Narration
Textprozeduren katadeiktisch, anadeiktisch, auf andere Texte verweisende Prozeduren, Danksagungen begriffsbildend, textkritisch, Hypothesen explizierende Prozeduren Persönliche Erfahrungen und Erlebnisse im Zusammenhang der Entstehung des Textes
Häufig kookurrierende finite Verben mit ich danken, eingehen auf, verweisen auf (ExpKo); eingehen auf, darstellen (StuKo) glauben, meinen, denken, finden (ExpKo und StuKo) [nicht bekannt]
Kontextualisierungs-versuch: wissenschaftlich? :) :) :(
  • Verfasser-Ich
    Der Schreiber äußert sich überblickshaft und katadeiktisch zur Struktur und zum Inhalt seiner Arbeit. Im Kontextualisierungsversuch wird das Verfasser-Ich durch die Rater mehrheitlich als wissenschaftlich eingestuft.
  • Forscher-Ich 
    Der Schreiber expliziert eine Hypothese und eine Auseinandersetzung mit wissenschaftlichem Wissen, die idealerweise zur Erweiterung des Forschungstandes führt.
    Im Kontextualisierungsversuch werden prototypische Verwendungen des Forscher-Ich von Ratern als wissenschaftlich angesehen.
  • Erzähler-Ich
    Der Schreiber äußert sich narrativ zu seinen persönlichen Schwierigkeiten bei der forschenden Auseinandersetzung. Die Schwierigkeiten sind autobiographisch, subjektiv und Teil der Lebenswelt des Verfassers.
    Im Kontextualisierungsversuch wird das Erzähler-Ich als nicht wissenschaftlich eingestuft. Das Erzähler-Ich wird im wissenschaftlichen Kontext nicht toleriert. Die Untersuchung zeigte, dass dieser Ich-Typ ausschließlich im StuKo vorzufinden war.

Fazit

In 40 % der Texte im ExpKo sowie in 45 % der in StuKo-Texte wird kein ich verwendet. Somit kann die verbreitete Annahme, dass in deutschen Wissenschaftstexten ein „Ich-Verbot“ bzw. ein „Ich-Tabu“ existiert, nicht gänzlich bestätigt werden. Das Ergebnis deutet aber auf eine bewusste Vermeidung der ersten Person Singular in Wissenschaftstexten. Das ich wird von Experten durchschnittlich 0,43 Mal/1000 Wörter verwendet. In den studentischen Texten kommt das ich 1,01 Mal zum Einsatz und damit 2,34 Mal so oft wie bei den Experten. Im Entwicklungsverlauf nimmt die Zahl der ich-Belege im StuKo sukzessive ab, da die Studenten die erste Person Singular zunehmend kontrollierter und wissenschaftstypischer einsetzen. Die Häufigkeit der ich-Belege auf die Disziplinen verteilt ist sowohl im ExpKo als auch im StuKo gleich: Die häufigsten ich-Belege befinden sich in linguistischen Texten, gefolgt von den literaturwissenschaftlichen Texten. Am seltensten wurde das ich in den geschichtswissenschaftlichen Texten benutzt. Dies ist ein Indiz für eine auch fachliche Prägung der wissenschaftlichen Schreibsozialisation.

Der Kontextualisierungsversuch mithilfe der Rater zeigte, dass der ich-Gebrauch bestimmten „Constraints der Textproduktion“ unterliegt. Je nach syntagmatischer Einbettung und Funktionalisierung war eine Unterteilung der ich-Belege in folgende Ich-Typen sinnvoll:

  • den deskriptiven Verfasser-Ich,
  • den argumentativen Forscher-Ich,
  • den narrativen Erzähler-Ich.

Die ersten beiden Typen sind für Expertentexte typisch, der dritte Ich-Typ wird nicht als wissenschaftlich anerkannt und findet sich ausschließlich in studentischen Texten wieder.

Abschließend lässt sich festhalten, dass eine häufigere Verwendung des Wortes ich in deutschen Wissenschaftstexten einen tendenziell weniger wissenschaftlichen Einschlag impliziert, sofern das ich erzählerisch und anekdotisch wirkt. Insgesamt wird das ich sporadisch eingesetzt, um deskriptive und argumentative Formulierungen einzuleiten.