Zusammenfassung “Gibt es eine Sprache des politischen Extremismus?” (Sarah Ebling, Joachim Scharloth, Tobias Dussa, Noah Bubenhofer)

Das Paper „Gibt es eine Sprache des politischen Extremismus?“ befasst sich mit der Frage, inwiefern es aus linguistischer Sicht angemessen sei, von einem Begriff bzw. einer Definition des politischen Extremismus auszugehen, welcher bzw. welche sämtliche politischen Strömungen, die von der Mitte abweichen, in einem Terminus konzentriert. Um dieser Fragestellung auf den Grund zu gehen, haben die Autoren des Papers eine Untersuchung vorgenommen, die sich korpuslinguistischer Methoden bedient und in der folgenden kurzen Zusammenfassung dargestellt werden soll.

Die Ausgangsproblematik der Forschungsfrage liegt in einer vielfach geübten Kritik an einer Definition des politischen Extremismus, welche beanstandet, dass „der Extremismusbegriff einen legalen politischen Raum (die Mitte)“ definiere und „alle abweichenden politischen Vorstellungen unter den Verdacht der Verfassungsfeindlichkeit“ (Seite 4) stelle. Die inhaltlichen Unterschiede zwischen den verschiedenen politischen Strömungen seien aber so groß, dass eine theoretische Reduzierung auf einen Begriff nicht angemessen ist. Somit sei der vorliegende Extremismusbegriff zu eindimensional.

Ausgehend von dieser Problematik setzen sich die Autoren des Papers das Ziel, Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den Sprachen links- bis rechtsextremistischer Parteien zu untersuchen. Am Ende soll die Beantwortung der Frage stehen, ob es unter Umständen angemessen sei, den herkömmlichen Extremismusbegriff zugunsten anderer Konzepte zu ersetzen.

Zu diesem Zweck untersuchen Ebling et al. „Gruppierungen des linksextremen wie des rechtsextremen Spektrum auf das Auftreten gemeinsamer sprachlicher Merkmale, die als Operationalisierungen der von Backes und Jesse benannten Dimensionen des Extremismus gelten können.“ (Seite 5) Die Autoren des Papers filterten vier Dimensionen heraus, welche typisch für eine extremistische Sprache seien und operationalisierten sie auf korpuslinguistische Art und Weise.

Die erste Dimenion „Ablehnung des demokratischen Verfassungsstaates“ wurde anhand von Sprachthematisierungen untersucht. Dazu gehört z.B. die Umdeutung bestimmter Wörter und beschreibt die Erforschung einer evtl. „sprachkritischen Tendenz“ extremistischer Strömungen und „die Ausbildung einer eigenen Ideologiesprache“ (Seite 6). Des Weiteren kennzeichnet diese Dimension auch die Verwendung metaprachlicher Markierungen, z.B. durch das Setzen von Anführungszeichen („Sogenannte Demokratie“).

Der zweiten Dimension, „Dogmatismus und Commitment“, was die starke Überzeugtheit von eigenen Ansichten und Zielen meint, liegt eine Wortliste mit skandalisierenden Ausdrücken zugrunde, wie beispielsweise „katastrophal“ im Bezug auf andere Positionen. Des Weiteren wurden hierbei Gradpartikel zur Ausdrucksverstärkung bzw. -abschwächung untersucht, z.B. „absolut“ oder „total“.

„Verschwörungstheorien“, die dritte Dimension, meint die Neigung zu glauben, dass eine Anzahl von Personen, z.B. politische Eliten oder Angehörige einer politischen Rasse, sich konspirativ verabreden, um die Mehrheit der Bevölkerung zu täuschen. Hierzu gehört das sogenannte Entlarvungsvokabular, wie z.B. „angeblich“ oder „ vermeintlich“.

Die letzte Dimension „Fanatismus“ meint die Bereitschaft zur gewaltsamen Propagierung und Durchsetzung der erstrebten Ziele. Hierzu wurden Kampfvokabeln, wie beispielsweise „militarisieren“ oder „Blutbad“ untersucht.

Wie in der Beschreibung der einzelnen Dimensionen schon angeklungen, greifen Ebling et al. in der Operationalisierung des Begriffes des politischen Extremismus „also auf „drei unterschiedliche linguistisch-pragmatische Kategorientypen zurück“ (Seite 11): Semantisch definierte Wortklassen, einer semantisch-funktional definierten Wortklasse (Gradpartikeln) sowie einer lexikalisch-graphematischen Markierung (Sprachthematisierungen). Für die semantisch definierten Wortklassen, d.h. die skandalisierenden Ausdrücke, das Entlarvungsvokabular und die Kampfvokabeln, bildeten die Autoren jeweils Grundstöcke an negativ konnotierten Vokabeln, welche „mittels einer Synonymsuche im „Wortschatz Leipzig“ rekursiv erweitert“ (Seite 9) wurden. Nach einer qualitativen Untersuchung der Synonyme der Basiswörter, bestimmte man die Begriffe, welche in die jeweilige Wortliste, z.B. zu den Kampfvokabeln, passten und suchte wiederum Synonyme. Das Ergebnis waren drei Wortlisten mit insgesamt etwa 900 Ausdrücken.

Die Datengrundlage für die Untersuchung der Autoren bildeten Korpora, welche sich aus den Pressemitteilungen von Parteien und Gruppierungen von politisch linksextrem bis hin zu rechtsextrem zusammensetzten. „Es wurden fünf Korpuskategorien definiert: extrem links, gemäßigt links, Mitte, rechtspopulistisch und extrem rechts.“ (Seite 14f.) Die Zuordnung der Parteien, wie beispielsweise der NPD oder der Linkspartei, zu den einzelnen Kategorien, erfolgte dabei nach „der Einschätzung des jährlich erscheinenden Berichts des Bundesamts für Verfassungsschutz“. (Seite 12)

In der tatsächlich stattfindenden Untersuchung wurden nun die verschiedenen Korpora, d.h. die Pressemitteilungen, anhand der vorher festgelegten vier Dimensionen und ihren Operationalisierungen betrachtet. So entstanden Wortfrequenzlisten, welche unter anderem aufzeigten, wie oft das sogenannte Entlarvungsvokabular in Pressemitteilungen besagter Parteien und Gruppierung zu finden sei. Ebling et al. veranschaulichten ihre Ergebnisse zumeist in Grafiken, wobei im Folgenden aus Platzgründen nur eine Dimension exemplarisch vorgestellt werden soll: die Dimension der Verschwörungstheorien.

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Grafik

In dieser Grafik veranschaulichen Ebling et al. das Entlarvungsvokabular nach Partei je 1.000 Wörter. Die Autoren konstatieren, dass sich für die links- sowie rechtsextremistischen Parteien deutlich höhere Werte ergeben als für Parteien der Mitte und halten auch fest, dass die Frequenz von Entlarvungsvokabular wie Adjektive angeblich, tatsächlich, vermeintlich im Korpus der REP auffällig hoch sei.

Das Beispiel verdeutlicht recht gut, wie Ebling et al. im Vergleich der Operationalisierungen mit den Korpuskategorien gearbeitet haben. In diesem Beispiel wurde in der Dimension der Verschwörungstheorien die vorher erarbeitete Wortliste mit dem Entlarvungsvokabular mit den Pressemitteilungen der einzelnen Parteien und Gruppierungen verglichen.

Mit Hilfe der soeben beschrieben korpuslinguistischen Methode gingen die Autoren des Papers der Frage auf den Grund, ob es aus linguistischer Betrachtungsweise angemessen sei, von einer Sprache des politischen Extremismus zu sprechen und kommen zu dem Ergebnis, dass trotz einiger Einschränkungen durchaus Gemeinsamkeiten im Sprachgebrauch politisch extremer Parteien zu finden sind, „die auf gemeinsame Strukturmerkmale des politischen Extremismus zurückführbar scheinen.“ (Seite 28)

 

Quelle:

Ebling, Sarah / Scharloth, Joachim / Dussa, Tobias / Bubenhofer, Noah (2012): Gibt es eine Sprache des politischen Extremismus? In: Frank Liedtke (Hrsg.): Sprache, Politik, Partizipation. Bremen: Hempen.