Zusammenfassung: Der Verdrossenheit verdrossen? Der Diskurs über Politikverdrossenheit. Eine korpuslinguistische Untersuchung.

Sebastian Bopp schreibt in seinem Paper über eine korpuslinguistische Untersuchung zum Thema Politikverdrossenheit. Der Text wurde im Sprachreport veröffentlicht, einer vierteljährlich erscheinenden Zeitschrift, die über Forschung und Meinungen zu aktuellen Themen der germanistischen Sprachwissenschaft informiert. Bopp eröffnet den Text mit einer kurzen Erklärung des Wortes “Politikverdrossenheit” selbst. Es sei 1992 von der Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) zum “Wort des Jahres” gekürt worden und seit 2004 im Rechtschreibduden verzeichnet. Dies nimmt Bopp zum Anlass zur Vermutung, dass das Thema Politikverdrossenheit eine gewisse gesellschaftliche Relevanz erlangt hat und versucht weiterhin, durch korpuslinguistische Analysen Aufschlüsse auf gesellschaftliche Vorgänge zu erhalten.

Um zu untersuchen welche Bedeutung dem Wort “Politikverdrossenheit” zukommt (und wie sich diese gegebenfalls in den vergangen Jahren verändert hat), vollzieht Bopp in einem „corpus-driven“,  quantitativstatistischen Vorgehen eine Kookukerenzanalyse nach dem Vorbild von Noah Bubenhofer, der in seiner Arbeit “Sprachgebrauchsmuster.  Korpuslinguistik  als  Methode  der  Diskurs-  und  Kulturanalyse.” eine Methode entwickelt, “mit deren Hilfe es möglich ist,  große  Textkorpora  nach  typischen  Mustern  im Sprachgebrauch  zu  untersuchen“  (Bubenhofer  2009, S. 6). In seiner Kookurrenzanalyse überprüft Bopp, welche Wörter überdurchschnittlich oft in Verbindung mit einem bestimmten Suchwort – in seinem Fall das Wort Politikverdrossenheit – auftreten und somit Kookurrenzen bilden. Seine Quelle bildet hierbei die Kookurrenzdatenbank  CCDB, auf der Kookkurrenzprofile  von  rund  220  000  Wörtern  gespeichert sind, welche wiederum auf einem 2,2 Milliarden Wörter umfassenden Ausschnitt aus  dem  Deutschen  Referenzkorpus  (DeReKo) des Instituts  für  Deutsche  Sprache  (IDS)  basieren. Die Ergebnisse aus Bopps Kookurrenzanalyse sind in Tabelle 1 dargestellt.

Tabelle 1

Tabelle 1

Dem Ergebnis ist zu entnehmen, dass das Wort “entgegenwirken” häufiger als jedes andere in Verbindung mit “Politikverdrossenheit” auftaucht. Zudem scheint Politikverdrossenheit eine weit verbreitete und vor allem unter Jugendlichen vorkommende Problematik zu sein. Darüber hinaus wecken Wörter wie “grassieren”, “beklagen” oder “Desinteresse” den Eindruck, dass das Thema in den untersuchten Texten eine deutlich negative Bewertung erfährt.

Weiterhin untersucht Bopp die zeitliche Entwicklung der Zeitungstexte, die mindestens einmal das Wort Politikverdrossenheit aufweisen und versucht daraus Rückschlüsse auf die gesellschaftliche Relevanz dieses Themas über mehrere Jahre hinweg zu ziehen. Um einen möglichst realistischen Wert zu erhalten, berücksichtigt er auch verwandte Worte wie z.B. politikverdrossen, Politikverdrossene oder  Parteienverdruss. Das Vorhandensein der gesamten Archive der untersuchten Zeitungen, sowie die Regelmäßigkeit der Veröffentlichungen ermöglichen eine sehr genaue Beschreibung des Diskursverlaufs. Interessanterweise lässt sich eine Abnahme der Anzahl an Texten mit den untersuchten Wörtern feststellen, siehe Abbildung 2.

Tabelle 2

Abbildung 2

Betrachtet man Daten zur Parteizugehörigkeit und der Wahlbeteiligung fällt auf, dass die Parteien seit Anfang der 1990er Jahre rund ein Drittel ihrer Mitglieder verloren haben und die Wahlbeteiligung deutlich gesunken ist. Man würde daher intuitiv wohl eher eine größer werdene Zahl von Zeitungstexten, die sich mit der Thematik “Politikverdrossenheit” auseinandersetzen vermuten. Bopps Untersuchungsergebnisse zeigen jedoch klar, dass dies nicht der Fall ist.

Bopp sieht in diesen Ergebnissen zweierlei mögliche Interpretationsansätze. Zum einen sieht er die Möglichkeit, dass sich eine Art “Politikverdrossenheitsdiskursverdrossenheit” eingestellt hat, also das Interesse am Thema abgenommen hat. In einer zweiten Interpretation stellt er die Hypothese auf, dass Politikverdrossenheit mittlerweile so starke Verbreitung gefunden hat, dass der öffentliche Diskurs einfach an Mitteilungswert verloren hat, was er äußerst kritisch bewertet.

 

Literatur:

Bopp, Sebastian: Der Verdrossenheit verdrossen? Der Diskurs über Politikverdrossenheit. Eine korpuslinguistische Untersuchung. In: Sprachreport 3/2010, S. 5-8

Bubenhofer,  Noah  (2009):  Sprachgebrauchsmuster.  Korpuslinguistik  als  Methode  der  Diskurs-  und  Kulturanalyse. Berlin [u.a.]: de Gruyter