Begriffsnetze

Eignen sich Begriffsnetze zur Erstellung eines Wortschatzes?

Eine weitere Möglichkeit, Vokabeln in passende Sinneinheiten zu ordnen, wäre die Erstellung von Wortfeldern mithilfe des korpusgenerierten Begriffsnetzes der Universität Leipzig (http://wortschatz.uni-leipzig.de/). Da Wörter oft in Verbindung mit anderen bestimmten Wörtern gebraucht werden, entsteht durch diese enge Beziehung eine Art „Begriffsnetzwerk“, das die in den Textkorpora am häufigsten im direkten Umfeld auftauchenden Wörter angibt. Die Häufigkeit des gemeinsamen Auftretens wird anhand von dicken und dünnen Verbindungslinien markiert.

Ob sich solch ein Verfahren eignen könnte, werde ich im Folgenden analysieren.

Bei dem Gebrauch eines Wortes werden auch mental Bedeutungsfelder aktiviert, weshalb es sich als nützlich und hilfreich erweisen könnte, ganze Wortfelder zu vermitteln. Die Assoziationen, die beispielsweise bei dem Wort „Hund“ hervorgerufen werden, sind vermutlich meist die Wörter „bellen“, „beißen“, „knurren“ und „Gassi/Spazieren gehen“.

kollokat hund normal

Das Begriffsnetz verdeutlicht, dass die häufigsten Nachbarwörter unter anderem eine Beschreibung der Eigenschaft („Tier“) sind sowie die Ausdrücke „Frauchen“ und „Herrchen“, die das Besitzverhältnis angeben.

Im Langenscheidt A2 Wortschatz-Intensivtrainer dagegen werden lediglich die Begriffe „Hund“, „Katze“ und „Tier“ gemeinsam vermittelt.

Beim Betrachten des Netzwerks fällt allerdings auf, dass nicht alle erwarteten Begriffe auftauchen, sondern stattdessen noch andere Wörter aufgeführt sind. So fehlen z.B. die Verben „bellen“ und „knurren“. Daher könnte es sinnvoll sein, ein detaillierteres Netz anzuzeigen:

kollokat hund detailliert

Zwar fehlt das Verb „knurren“ noch immer, jedoch erscheint es kein schwerwiegender Mangel zu sein. Offensichtlich treten „Hund“ und „knurren“ weniger häufig gemeinsam auf, als ich angenommen habe.

Von den dargestellten Begriffen, die in Bezug auf „Hund“ relevant sind, eignen sich meiner Meinung nach folgende für einen Lernwortschatz:

 

A1

> A1

spazieren

Besitzer

Katze

Tierheim

bellen

Herrchen

Tier

Frauchen

Leine

Schwanz

beißen

Gassi

Halter

Vierbeiner

Vergleicht man jedoch die Häufigkeitsklassen mit dem Begriffsnetz, stellt man auch dort eine Ungleichheit der Werte fest:

Begriff

Häufigkeitsklasse

Hund

9

Katze

11

Tier

10

Herrchen

13

Frauchen

13

Gassi

15

Leine

12

beißen

13

bellen

13

knurren

17

spazieren

12

Es wird deutlich, dass die Begriffe unterschiedlichen Häufigkeitsklassen angehören. Würden diese Wörter nun aufsteigend nach Häufigkeit gelehrt werden, gehörten sogar „Hund“ und „Katze“ verschiedenen Sprachniveaustufen an.

Im Folgenden möchte ich prüfen, ob sich die Begriffsnetze auch für weitere Wörter eignen:

Daher wähle ich den Begriff „Jahreszeiten“, der im Langenscheidt Intensivtrainer A1 eingeführt wird. Bevor ich den Suchbegriff eingebe, versuche ich, einige Assoziationen mit dem Ausdruck hervorzurufen. Dabei fallen mir natürlich die typischen Substantive „Frühling“, „Sommer“, „Herbst“, „Winter“, „Sonne“ und „Schnee“ ein sowie einige darauf bezogene Adjektive wie „warm“, „kalt“ und „sonnig“.

wortfeld jahreszeiten

Allerdings tritt hierbei etwas Unerwartetes auf: Zwar werden die vier Jahreszeiten genannt, doch hätte ich erwartet, dass auch die anderen zuvor genannten Wörter aufgezeigt werden. Stattdessen werden Vivaldi, der „Die vier Jahreszeiten“ komponierte sowie ein Hotel aufgeführt, also Begriffe, die für den Sprachunterricht irrelevant sind. Demnach scheint entweder das Wortnetz für die Erstellung des Wortschatzes nicht besonders gut geeignet zu sein oder es muss geprüft werden, ob der Suchbegriff „Jahreszeiten“ zur Erschließung eines Wortfeldes sinnvoll ist.

Folgende Treffer halte ich im Hinblick auf das untersuchte Themengebiet für einen A1 Wortschatz als geeignet:

 

A1

> A1

Sonne

Zyklus

Sommer

Frühling

Herbst

Winter

wärmeren

Obwohl der Begriff „Zyklus“ durchaus Anspruch hat, dem Themenbereich zugeordnet zu werden, würde ich ihn nicht zum A1 Wortschatz zählen, da er für diese Niveaustufe viel zu anspruchsvoll ist. Für fortgeschrittene Lerner, die sich schon einen soliden Grundwortschatz angeeignet haben, ist die Vokabel geeigneter.

Daher habe ich im nächsten Versuch ein Begriffsnetz zum Substantiv „Frühling“ erstellen lassen.

kollokat frühling

Dort zeigt sich, dass es für den Sprachunterricht schon relevanteres Vokabular liefert. Also sollte bei der Analyse demnach nicht der Oberbegriff eingegeben werden, sondern direkt einer der Unterbegriffe. Allerdings werden auch hier keine wetterbedingten Adjektive aufgezeigt und auch hier eignen sich nicht alle Wörter: So wären die Vokabeln „Musikfestival“, „Einzug“ und „Prager“ für den DaF-Unterricht im Hinblick auf die Jahreszeiten nicht sinnvoll.

Für einen Deutsch-Wortschatz halte ich folgende neun Ergebnisse für sinnvoll:

 

A1

> A1

Schnee

blühen

Jahreszeit

Sonnenstrahlen

Temperaturen

Sommer

Sonne

Herbst

Winter

Die Begriffe „blühen“ und „Sonnenstrahlen“ passen auch gut zum Themenbereich, allerdings würde ich sie eher in die Niveaustufe A2 einordnen, da sie meiner Auffassung nach für die erste Elementarstufe zu anspruchsvoll sind.

Der Langenscheidt-Intensivtrainer führt in der dritten A1 Lektion den Wortschatz zu „Körper – Hygiene – Gesundheit“ ein. Daher hab ich mir für den Themenbereich „Erkältung“ ein Begriffsnetz erstellen lassen und gehe zuvor davon aus, dass Ausdrücke wie „Husten“, „Schnupfen“, „Fieber“, „krank“ und weitere Erkältungserscheinungen aufgezeigt werden.

kollokat erkältung

Es stellt sich heraus, dass das Wortnetz schon recht detailliert ausfällt und nur der Ausdruck „krank“ fehlt. Dafür werden einige andere Erkältungserscheinungen wie „Gliederschmerzen“ und „Halsschmerzen“ genannt, die für den Wortschatz meiner Auffassung nach ebenfalls von Relevanz sind.

 

A1

> A1

Fieber

Viren

Arzt

fiebrig

Husten

Gliederschmerzen

Schnupfen

Infekt

Grippe

Symptome

Bett

grippal

Halsschmerzen

Da die Begriffe in der rechten Spalte schon recht anspruchsvoll erscheinen, sollten sie nicht in einen A1 Wortschatz eingeordnet werden.

Allerdings tauchen auch hier wieder unerwartete Begriffe, wie „Magdalena Neuner“ und „Antholz“ auf. Daher werde ich im nächsten Versuch ein Netz zu „Husten“ erstellen, um zu vergleichen, ob das Ergebnis aussagekräftiger ist.

kollokat husten

Hier erscheinen nun keine themenfremden Begriffe mehr, zudem führt die Graphik noch etwas präzisere Begriffe auf als die vorherige.

Eine Einteilung in die verschiedenen Sprachniveaustufen könnte folgendermaßen aussehen:

 

A1

> A1

Kopf-

Bronchitis

Arzt

Auswurf

Fieber

Asthma

Schnupfen

Schleim

Erkältung

Durchfall

Nase

Gliederschmerzen

Niesen

Schüttelfrost

Halsweh

Heiserkeit

Grippe

Atemnot

Müdigkeit

Tröpfchen

Kopfschmerzen

Symptome

Halsschmerzen

Appetitlosigkeit

Krankheitsgefühl

Tröpfcheninfektion

Dennoch könnte meines Erachtens nach noch kein vollständiges Vokabular auf dieser Grundlage erstellt werden, da lediglich Substantive verzeichnet sind. Um ein ausgewogenes Wortfeld zu erhalten, sollten auch Adjektive und Verben beinhaltet sein.

Die Analyse hat gezeigt, dass die Begriffsnetze als Grundlage für einen DaF-Wortschatz zwar nicht absolut optimale Ergebnisse liefern, sich aber besser eignen als eine Orientierung an Frequenzlisten. Während die Netze in einen zusammenhängenden Kontext gebettet sind, werden die Begriffe auf der Häufigkeitsliste schlicht absteigend nach Frequenzen aufgeführt – und das geschieht recht wahllos, ohne Berücksichtigung bestimmter Themengebiete. (Dabei muss aber auch beachtet werden, dass es nicht das Ziel der Frequenzlisten ist, Wortfelder und Themengebiete darzustellen!!). Für die Erstellung eines Lernwortschatzes gestaltet sich das als problematisch, da es aus lernpsychologischer Sicht keinen Sinn ergibt, Wörter, die keinerlei Bezug zueinander haben, in derselben Lektion zu vermitteln, da die gemeinsam gelehrten Wörter üblicherweise auch zusammen in Leseverstehenstexten eingeführt werden.

Obwohl die Überlegung, den Wortschatz an Häufigkeitslisten anzupassen, zunächst sinnvoll erscheint, erweist sich dieses Vorgehen in der Praxis also als unpraktikabel.

Aber auch die Begriffsnetze sind zur Darstellung eines Wortfeldes nicht immer zufriedenstellend. Problematisch erweist sich, dass für einige Netze ein Oberbegriff ausreicht, um themenbezogene Ergebnisse zu erhalten, während für andere ein Unterbegriff benötigt wird, da der dazugehörige Oberbegriff kein adäquates Resultat liefert. Zudem sollten die Wortgruppen ausgewogener repräsentiert werden, da sich nur auf Basis von Substantiven bekanntlich keine Sätze bilden lassen ;-)

Daher werde ich noch eine weitere Methode auf ihre Brauchbarkeit testen:

Kookkurrenzpartner

 

Ein Gedanke zu “Begriffsnetze

  1. M. E. könnte man durchaus diskutieren, ob zum Wortfeld “Jahreszeiten” nicht auch metaphorische Ausdrücke wie “Prager Frühling” oder “Arabischer Frühling” gelehrt werden könnten. Nicht unbedingt auf Stufe A1, aber vielleicht später. Die Kollokationsnetze zeigen dabei interessante Verwendungen, die in Zeitungskorpora sehr häufig sind, an die wir aber vielleicht gar nicht denken würden.

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