3.Hyperaktivität ist ein völlig neues Krankheitsbild, das es früher so nicht gab

Unsere dritte Hypothese lautet: Hyperaktivität ist ein völlig neues Krankheitsbild, das es früher so nicht gab.

Dabei haben wir nicht genau definiert, was unter den Bezeichnungen „völlig neues Krankheitsbild“ und  „früher“ zu verstehen ist. Dies sei an dieser Stelle nachgeholt: Unter einem „völlig neuen Krankheitsbild“ möchten wir eine Krankheit verstehen, die sich in den letzten zehn Jahren etabliert hat, „früher“ ist somit alles, was davor liegt.

Durch unsere korpuslinguistischen Untersuchungen können wir diese Hypothese falsifizieren, das heißt, die Hypothese stellte sich im Laufe unserer Arbeit als falsch heraus.

Das Wort „Hyperaktivität“ ist in COSMAS II bereits seit dem Jahre 1987 zu finden (siehe Tabelle):

 

 

 

Treffer

Texte

                                      Jahr   

1

1

                                       1987

1

1

                                       1990

1

1

                                       1991

10

10

                                        1993

6

6

                                       1994

9

8

                                         1995

41

35

                                        1996

57

49

                                         1997

66

58

                                          1998

104

93

                                          1999

85

66

                                           2000

93

76

                                           2001

103

86

                                            2002

159

125

                                            2003

171

123

                                            2004

99

92

                                           2005

109

103

                                          2006

138

128

                                          2007

111

102

                                          2008

108

90

                                         2009

174

100

                                         2010

216

169

                                        2011

74

71

                                        2012

20

19

                                        2013

 

1.956

1.612

                               24 Jahrgänge

 

 

Dies bedeutet noch nicht zwangsläufig die Falsifizierung unserer Hypothese, da das Wort in einem anderen Kontext (nicht als Krankheitsbild) verwendet werden könnte. Wir sehen uns deshalb einige Textbelege an. Im ersten Beispiel von 1987 ist dies auch der Fall:

 

 

H87/JM6.30455 Mannheimer Morgen, 14.10.1987, S. 03; Das “Spielfieber” gibt es tatsächlich

oft sind Mütter sehr besorgt, weil sich ihr Kind am Abend ganz heiß anfühlt und auch das Fieberthermometer eine erhöhte Temperatur anzeigt. der Grund dafür muß jedoch keine Krankheit sein – vielleicht hat das Kind zuvor auf dem Spiel- oder Sportplatz nur zu sehr herumgetobt. in der Ärztezeitschrift “Medical Tribune” wird darauf hingewiesen, daß solche leicht erhöhten Temperaturen bei Kindern nach körperlicher Überaktivität abends gar nicht so selten gemessen werden. Kinderärzte empfehlen deshalb in solchen Fällen, das Kind zunächst eine Stunde ruhen zu lassen und dann erneut die Temperatur zu messen. wenn die Erwärmung des Körpers durch Hyperaktivität bei Spiel oder Sport entstanden ist, ist sie nach einer Stunde auch wieder unter 37,5 Grad Celsius abgesunken.

 

Tatsächlich wird das Wort „Hyperaktivität“ hier nicht als Krankheit betrachtet, sondern als ein Phänomen, bei dem Kinder sich beim Sport und Spiel zu sehr angestrengt haben und folglich Fieber bekommen.

Ein Beleg von 1990 zeigt jedoch, dass „Hyperaktivität“ bereits zu diesem Zeitpunkt auch als eine Krankheit angesehen wurde:

 

NUN90/JAN.01693 Nürnberger Nachrichten, 24.01.1990, S. 3; Psychotherapeuten warnen vor Beruhigungstabletten für Kinder

Zappelphilipp oder Friederich, der arge Wüterich, dürfen nur noch im Märchen ihre Umwelt nerven. Das “auffällige” Kind von heute muß seine Probleme verschlucken. Gegen Nervosität, Überreiztheit, Unruhe, Erschöpfung,Hyperaktivität, Prüfungsangst oder Konzentrationsschwäche gibt es allemal ein Mittel aus der Apotheke, das zur äußerlichen Anpassung verhilft. Ein Selbstbetrug mit bösen Folgen, meint Gresch.

 

In Zusammenhang mit Apotheken, Medikamenten und Problemen von Kindern kann man die Hyperaktivität an dieser Stelle bereits durchaus als Krankheit oder Teil eines Krankheitsbildes ansehen.

Zur endgültigen Falsifizierung suchen wir jedoch nach weiteren Belegen und machen eine Abfrage im DWDS. Dort finden wir 173 Treffer und „Hyperaktivität“ taucht bereits 1973 zum ersten Mal auf. Auch hier sehen wir uns entsprechende Textbelege an, hier jeweils einer von 1973 und 1974:

Hyperaktivitat zeit

Die Zeit, 11.05.1973, Nr. 20

Solche Aussagen sind vielfältig : interpretierbar , denn wir besitzen keinen , objektiven Maßstäbe für Normalität . Ob wir aus den Schilderungen von Janovs Patienten Anzeichen herabgeminderter Lebensansprüche und eines gesunkenen Energiepegels herauslesen oder sie wie Janov  als Befreiung aus dem Zwang neurotischer Hyperaktivität interpretieren , ist eine Frage der Optik . Schöngeistiger Intellektualismus wie gesteigerte sexuelle Aktivität kann ( aber muß nicht ) neurotisch bedingt sein & # X2014 ; ein Ausweichen vor dem eigenen Leben .

 

Die Zeit, 14.06.1974, Nr. 25

 

 

Diese zwei Beispiele sprechen eindeutig für die Falsifizierung unserer Hypothese: In den Texten wird Hyperaktivität als Krankheit in Zusammenhang mit Ernährung und Lebensmittelzusätzen oder als neurotischer Zwang beschrieben.

Eindeutig war Hyperaktivität bereits in den 70er Jahren als Krankheit oder Folge von Krankheiten bekannt und wurde als ein ernsthaftes Problem angesehen.

Obwohl wir finden, dass unsere These damit bereits widerlegt ist, befragen wir schlussendlich noch den Google N-Gram Viewer. Zwar wissen wir, dass dessen Datengrundlage unklar ist, doch interessiert uns dennoch dessen Ergebnis:

NGRAM HYPERAKT.

Der N-Gram Viewer verlegt das erste Aufkommen des Wortes „Hyperaktivität“ sogar auf vor 1900. Wir wissen natürlich nicht, in welchem Kontext das Wort in diesem Zeitraum verwendet wurden und sehen zudem einen massiven Anstieg in den letzten 10 Jahren (der erklären könnte, wie wir zu unserer Hypothese gekommen sind), das Ergebnis ist dennoch überraschend.

 

Fazit/Ergebnis:

 

Im Prinzip hat nur ein einziger Textbeleg dazu ausgereicht, unsere Hypothese als falsch herauszustellen. Offenbar gibt es das Krankheitsbild „Hyperaktivität“ schon sehr viel länger, als wir gedacht hätten.

Zur umstrittenen Diagnose der Hyperaktivität (oder AD(H)S) findet man in der Online-Version der ZEIT einen interessanten Artikel zur Geschichte dieses Krankheitsbildes. Demnach wurde bereits 1845 das Krankheitsbild von „Kindern, die keine Ruhe geben“ beschrieben.

Der vollständige Artikel ist unter http://www.aerzteblatt.de/archiv/40288/Zappelphilipp-und-ADHS-Von-der-Unart-zur-Krankheit zu finden und sehr lesenswert.

 

Die Hypothese „Hyperaktivität ist ein völlig neues Krankheitsbild, das es früher so nicht gab.“  ist falsifiziert.

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